Zweisprachig aufwachsen: die 5 häufigsten Gerüchte

Zweisprachiges Kind

Eltern von Kindern, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, haben sicher schon mehrmals Kritik von skeptischen Mitmenschen gehört und ihnen wird sogar oft davon abgeraten. Dies sind die 5 häufigsten Kritiken und was an ihnen dran ist:

 

1. Mit mehr als einer Sprache aufzuwachsen bringt die Kinder durcheinander.

Dies ist bei weitem das am meisten verbreitete Gerücht um zweisprachig aufwachsende Kinder. Manche Eltern fürchten, dass das Kind nicht in der Lage sein wird, zwei Sprachen auseinander zu halten. Doch bereits wenige Tage nach der Geburt sind Babys fähig, zwischen vielen Sprachen zu unterscheiden, besonders, wenn es sich um extrem unterschiedlich klingende Sprachen handelt. Bis zu einem Alter von 6 Monaten sind Babys sogar in der Lage, zwei sehr ähnlich klingende Sprachen voneinander zu unterscheiden.

Das Gerücht resultiert einerseits aus der fehlenden Vorstellungskraft von Personen, die meist selbst nur die Muttersprache beherrschen, andererseits stammt es aus einer Zeit, in der Die Erzieher von Einwandererkindern deren Eltern ermutigten, ihre Herkunftssprache dem Kind nicht beizubringen, sondern nur die Sprache des neuen Landes zu sprechen, um die Einwandererkinder als neue Mitglieder des Landes heranzuziehen und nicht Spuren einer anderen Kultur mit ins Land zu bringen.

 

2. Ein zweisprachig aufwachsendes Kind beginnt erst spät zu sprechen.

Manche Kinder lernen sprechen früher als andere, unabhängig davon, ob sie ein- oder mehrsprachig aufwachsen.

Früher glaubte man, dass das parallele Lernen mehrerer Sprachen die Entwicklung der Sprachfähigkeit zufolge hätte, daher wurden leider vielen Eltern empfohlen, sich auf eine Sprache zu beschränken. Tatsache ist, dass zweisprachiges Aufwachsen keinerlei Nachteil auf die Sprachentwicklung des Kindes hat, ein bilingual aufwachsendes Kind, das erst spät zu sprechen beginnt, hätte aller Wahrscheinlichkeit in jedem Fall erst spät sprechen gelernt. Zeitverzögerte Sprachentwicklung, egal ob einsprachiger oder mehrsprachiger Kinder, gleicht sich innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre vollkommen aus.

 

3. Zweisprachige Kinder vermischen die Sprachen miteinander.

Ein Vermischen der parallel erlernten Sprachen ist ebenso unvermeidlich wie harmlos. Das Kind lernt die zwei oder mehr Sprachen von unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Situationen, lernt also in Sprache A einen anderen Wortschatz als in Sprache B. So kommt es, dass es ein bestimmtes Wort nur in Sprache A kennt, während es sich gerade mit Sprache B unterhält und so ein A-Wort verwendet, um sich verständlich zu machen. Für Menschen, die mit Zweisprachigkeit keinerlei Erfahrung haben, ist das der Beweis, dass das Kind zwei Sprachen miteinander vermischt hat und eine dritte, eine Mischsprache kreieren wird. In Wahrheit ist das Kind sich jedoch vollkommen darüber bewusst, welches Wort welcher Sprache angehört. Wer mehrsprachig aufwachsende Kinder in jeder ihrer Muttersprachen genau beobachtet, wird feststellen, dass jede Sprache von dem Kind mit der Kultur der Sprache entsprechender Gestik, Manierismus und Tonart wiedergegeben wird.

 

4. Mein Kind ist schon zu alt, um es zweisprachig aufwachsen zu lassen.

Grundsätzlich ist niemals zu spät oder zu früh, um einem Kind eine zweite Sprache beizubringen. Für ein Kind unter 10 Jahren ist es bedeutend leichter, eine zweite Sprache zu lernen, noch einfacher für ein Kind unter 5 Jahren. Doch verglichen mit der Arbeit und Mühe, die man als Erwachsener in das Lernen einer Sprache investieren muss, ist es selbst für ein über 10-jähriges Kind relativ mühelos.

Die optimale Zeit ist zwischen der Geburt und drei Jahren, nämlich dann, wenn das Kind seine erste Sprache zu lernen beginnt und sein Gehirn noch offener und flexibler arbeitet. Zwischen 4 und 7 Jahren kann ein Kind auch noch mehrere Sprachen auf paralleler Ebene lernen und damit beide Sprachen als Muttersprache lernen. Zwischen 8 und 12 Jahren lernt das Kind Zweitsprachen als Fremdsprachen, jedoch immer noch mit wenig Mühe, denn das Gehirn ist noch immer sehr aufnahmebereit. Mit Beginn der Pubertät werden Sprachen in separaten Bereichen des Gehirn gespeichert, so dass die Sprache im Gehirn übersetzt wird und nicht automatisch verstanden wird.

Auch wenn die optimale Zeit für das Lernen einer zweiten oder dritten Sprache ist, je jünger das Kind ist, sollte man sich dadurch nicht entmutigen lassen. Auch wenn die beste Zeit bereits vorbei ist, kann ein Kind auch dann noch eine zweite Sprache lernen, wenn die Zeit weniger optimal ist.

 

5. Kleine Kinder saugen mehrere Sprachen wie ein Schwamm und vollkommen mühelos auf.

Auch wenn Kinder Sprachen sehr leicht lernen, geschieht dies trotzdem nicht ganz von selbst. Es ist unrealistisch zu denken, dass ein Kind Englisch lernt, nur indem es 100 Folgen Micky Maus auf Englisch guckt. Eine Sprache wird nicht nur durch passives Zuhören gelernt, sondern erfordert interaktive Situationen, in denen das Kind in der neuen Sprache denken und sprechen lernt. Kinder lernen andere Sprachen durch Spielen mit anderssprachigen Kindern oder Erwachsenen, aber nur, wenn dies regelmäßig geschieht. Für ein Kind ist das Lernen einer oder mehrerer Sprache interessant und spielerisch, jedoch nur, wenn es permanent der neuen Sprache ausgesetzt ist. So wird ein Kind mühelos wesentliche Worte in einer neuen Sprache innerhalb weniger Tage aufschnappen und benutzen. Doch vergehen Monate, bis es der Sprache wieder ausgesetzt ist, hat es diese bereits wieder vergessen.

Auch wenn das Lernen von Sprachen mühelos ist, sind ständige Wiederholung Verstärkung unbedingt erforderlich.

 

 

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