Wie Kinder lügen lernen und was man dagegen tun kann

Kinder und lügen

Die meisten Eltern fühlen sich geschockt, wütend, verletzt oder verraten, wenn ihr Kind mit kleinen Lügen beginnt. Wird ein dreijähriges Kind bei einer Untat ertappt, streitet das Kind alle Schuldigkeit ab und schiebt die Schuld auf Geschwister, Haustiere oder sogar Objekte.

 

Statt die ersten Lügen der kleinen Kinder persönlich zu nehmen, sollte man diese als einen Teil in der emotionalen und intellektuellen Entwicklung. Lügen bedeuten nicht, dass ein Kind Verhaltensstörungen entwickelt, sondern spielt sogar eine wichtige und positive Rolle in einer normalen sozialen Entwicklung. Grundliegende menschliche Fähigkeiten wie Unabhängigkeit, Sicht einer Situation aus verschiedenen Perspektiven und Gefühlskontrolle benötigen dieselben intellektuellen Eigenschaften wie das Lügen.

 

Die Entwicklung des Lügens

 

Bis vor Kurzem glaubte man, kleine Kinder seien immer ehrlich und gar nicht in der Lage zu lügen. Doch man weiss inzwischen, dass ein Kind im Alter zwischen 2 und 4 Jahren die Fähigkeit des Lügens lernt. Die Entdeckung der lüge markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung des Kindes, da es beginnt zu verstehen, dass sein eigenes Denken sich vom Denken der Eltern unterscheidet.

Wie auch alles andere, lernt ein Kind das Lügen durch sein Umfeld. Die Eltern selbst zeigen dem Kind auf beinahe unmerkliche Weise, die Wahrheit und Ehrlichkeit zu unterdrücken. So wird ein Kind dazu ermutigt, sich selbst für ein Geschenk zu bedanken, dass ihm nicht gefällt und Freude vorzutäuschen, es lernt, nicht offen über fremde Leute zu sprechen und auch Essen, dass ihm nicht schmeckt, herunterzuwürgen. Kurz, alles, was wir unter Höflichkeit und Vermeidung von peinlichen Situationen verstehen, ist bereits eine Art Unehrlichkeit und zeigt dem Kind, dass es nicht immer richtig ist, seine ehrliche Meinung auszusprechen. Man lebt dem Kindern vor, dass zwischen Ehrlichkeit und Unhöflichkeit anderen Menschen gegenüber ein schmaler Grat liegt.

 

Ab einem Alter von 4 Jahren lügen Kinder aus den gleichen Gründen wie Erwachsene auch: zur Vermeidung von Strafen, um einen Vorteil zu bekommen, zum Schutz gegen ein schlechtes Gewissen und um das Selbstwertgefühl zu steigern. Lügen ist oft auch eine Machtdemonstration oder beschützt einen Freund vor Strafe. Mit einer Lüge versucht das Kind, eine Situation so zu rekonstruieren, wie es sie gern gehabt hätte.

 

Die Entwicklung der Lüge geschieht in mehreren Stufen. Die erste Stufe des Lügens ist, durch Unwahrheit ein Ziel zu erreichen, zum Beispiel das Vermeiden einer Strafe oder die Aufmerksamkeit des Zuhörers.

In einem Versuch wurden einige zwei- und dreijährige Kinder in deinen leeren Raum gesetzt. Hinter ihren Rücken wurde ein Spielzeug gestellt und man sagte ihnen, es sei nicht erlaubt, sich zu diesem umzudrehen, um zu sehen, um was es sich handelte. Nach 5 Minuten hatten 90% der Kinder sich umgedreht und das Spielzeug angesehen. Von ihnen log ein Drittel direkt, indem sie sagten, sie hätten nicht geschaut, während zwei Drittel keine Antwort gaben.

 

Im Alter von 3 Jahren geraten Wirklichkeit und Fantasie im Kopf des Kindes durcheinander. Häufig beginnt das Kind mit der Erzählung einer wahren Begebenheit und schmückt die Geschichte mit Lügen und Übertreibungen aus, wie es sie gern hätte. Auch wenn Kinder in diesem Alter mit ihren Lügen oft Erfolg haben, sind sie doch sehr schlechte Lügner, denn sie haben noch nicht gelernt, dass ihr Gegenüber die Wahrscheinlichkeit einer Situation überdenken kann. Daher lügen sie oft, wenn es unangebracht ist oder denken nicht daran, dass ihre Lügen aufgedeckt werden können.

 

Ein 4-jähriges Kind kennt bereits den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge und versteht, dass es falsch ist, zu lügen. Deshalb sind sie in diesem Alter sehr ehrlich und wenn sie lügen, ist es offensichtlich. Durch ihre zunehmenden kognitiven Fähigkeiten lernen sie aber auch, geschickter zu lügen. Sie bedenken bereits, ob ihr Zuhörer die Geschichte glauben kann oder nicht.

 

Der oben erwähnte Versuch wurde mit 4 bis 6-jährigen Kindern durchgeführt, die bereits ihre Neugier besser kontrollieren konnten. Doch die Kinder, die sich doch umdrehten, logen geschickter. Unmittelbar nach dem verbotenen Umdrehen hatten die Kinder einen eher unzufriedenen Gesichtsausdruck, da sie sich darüber im Klaren waren, etwas getan zu haben, was man ihnen untersagt hatte. Beim Hereintreten der Versuchsleiter jedoch setzten sie ein Lächeln auf und täuschten vor, sie hätten nichts gemacht.

 

Ein 5-jähriges Kind versteht die Wirkung einer Lüge auf das Gehirn eines Zuhörers. Es weiss, dass Erwachsene aus Erfahrung erkennen können, ob ihre Geschichte wahr ist oder nicht.

 

Im Alter zwischen 6 und 8 Jahren hat sich bereits ein gehobenes Lügen entwickelt. In dieser Phase verstehen die Kinder nicht nur den Inhalt einer Lüge, sondern auch das Motiv und die daraus resultierenden Konsequenzen.

 

Im Alter von 10 Jahren sind die meisten Kinder erfahrene und gute Lügner. Allerdings werden Erwachsene nicht mehr so leicht durch das unschuldige Kindergesicht verführt.

 

Wenn das eigene Kind lügt

 

Lügen ist eine Form, dass zu bekommen, was man möchte. Diese Entwicklung ist für Kinder normal und gesund. Wird das Kind zu stark wegen kleiner Unwahrheiten kritisiert, denkt es, dass man ihm nicht vertraut. Zwingt man ein Kind dazu, seine Lüge zuzugeben, hat man nicht unbedingt etwas damit erreicht, denn das Kind wird beim nächsten Mal noch weniger gewillt sein, die Wahrheit zu sagen. Durch Druck und Schelte erreicht man bei Kindern nicht, dass sie Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

Das Ziel ist es, auf lange Sicht dem Kind Verantwortungsgefühl und Moral beizubringen. Lügen ist zwar ein wichtiger Teil der Entwicklung, darf aber auch nicht einfach unbeachtet bleiben.

 

Strategien zur Entwicklung von Aufrichtigkeit der Kinder

 

Was man von seinem Kind erwartet, sollte ihm vorgelebt werden. Erwachsene sind häufig so an das Lügen gewöhnt, dass sie gar nicht bemerken, wie oft sie es vorleben. Um das Kind zu einem vertrauenswürdigen und verantwortungsbewussten Kind zu erziehen, müssen die Eltern zunächst selbst vertrauenswürdig und verantwortungsbewusst sein.

 

Auf eine Lüge niemals mit Jähzorn reagieren, sondern erst einmal ruhig durchatmen. Je ruhiger man selbst ist, umso besser man man mit dem Kind sprechen. Zuerst muss dem Kind erklärt werden, dass ein verhalten nicht richtig war. Dann sollte das Kind zu erklären versuchen, warum es die Lüge erzählt hat, allerdings mit Geduld und Verständnis, denn Kinder lügen hauptsächlich, um Ärger und Strafe zu vermeiden.

 

Zur Entwicklung eines Gewissens sollte das Kind lernen, dass Lügen Konsequenzen haben können. Am besten erklärt man ihm anhand der Lüge, welche Konsequenzen für das Kind und für seine Mitmenschen daraus resultieren, wen sie mit ihrer Lüge verletzt oder enttäuscht haben. Auch die wichtige Konsequenz, dass man einem notorischen Lügner nicht mehr glaubt, auch wenn er die Wahrheit sagt, kann das Kind bereits früh verstehen.

 

Wichtig ist die Berücksichtigung des Ziels, das hinter der Lüge steckte. War es zum Beispiel Angst vor Bestrafung oder davor, einen Fehler zu machen und fühlt sich das Kind verschämt oder schuldbewusst. Was hat das Kind für sich selbst mit dieser Lüge erreicht oder erreichen wollen?

 

Ändert das Kind seine Version und sagt freiwillig die Wahrheit, sollte man ihm sagen, wie gut das ist, damit es beim nächsten Mal ermutigt wird, lieber gleich die Wahrheit zu sagen.

 

Lügen sind manchmal auch ein Zeichen dafür, dass das Kind Aufmerksamkeit erregen will. Auf lange Sicht müssen die Eltern für sich entscheiden, was ihr Kind mit den Lügen zu erreichen versucht und gegebenenfalls die tägliche Routine des Kindes entsprechend anpassen. Langfristige Strategien sind das Schlafengehen zu festen Zeiten mit dem Vorlesen einer Geschichte, begrenztes Fernsehen und häufige gemeinsame Aktivitäten, damit sich das Kind innerhalb der Familie sicher fühlt.

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen