Introvertierte in einer extrovertierten Welt

introvertiert

Es gibt ebenso viele introvertierte wie extrovertierte Menschen in der Gesellschaft, doch aufgrund der Natur beider Seiten scheinen wir in einer Welt der Extrovertierten zu leben. Extrovertierte Menschen stechen überall hervor, wo introvertierte im Hintergrund bleiben, dennoch sind sie da. Die größte Herausforderung für eine introvertierte Person ist, sich in der eigenen Gesellschaft nicht wie ein Außenseiter zu fühlen.

Introvertierte Menschen brauchen weniger Stimulation von außen, sie können sich gut mit dem beschäftigen, was in ihrem Kopf vorgeht. Ein Extrovertierter sucht das Gesellschaftsleben und Smalltalk für den inneren Auftrieb. Während ein Introvertierter gern mit sich allein ist, ist ein Extrovertierter schnell gelangweilt.

Extraversion bzw. Introversion gehören zu den fünf Eigenschaften, die eine Persönlichkeit ausmachen, neben Neurotizismus, Verträglichkeit, Offenheit und Gewissenhaftigkeit. Obwohl extrovertierte und introvertierte Menschen scheinbar genaue Gegenpole sind, leben Extraversion und Introversion in einer Symbiose zusammen. Es gibt wenige Menschen, die zu einem oder dem anderen Extrem neigen, denn die meisten haben extrovertierte und introvertierte Charakterzüge. Ein Mensch, der sich introvertiert nennt, kann normalerweise bestimmte Situationen nennen, in denen er aus sich heraus geht. Umgekehrt gibt es Extrovertierte, die sich in bestimmten Lagen in sich selbst zurückziehen.

Auch wenn es keine genaue Trennlinie gibt, kann man insgesamt sagen, dass die Gesellschaft zu gleichen Teilen aus beiderlei besteht. Unsere Wahrnehmung lässt uns glauben, dass es mehr Extrovertierte gibt, da sie lauter sind und stets im Rampenlicht erscheinen. Oft wird Introversion mit Schüchternheit verwechselt, doch Introversion steht nicht für soziale Zurückhaltung. Introvertierte Menschen sind nicht gegen soziale Verpflichtungen eingestellt, sie werden nur häufig davon überfordert.

Introvertierte Menschen sind nicht intelligenter als extrovertierte, sind aber in der Lage, mehr Information im Gehirn zu verarbeiten. Zur Verarbeitung der äußeren Reize ziehen sie sich zurück.

Das Leben in der Gesellschaft wird schneller, aggressiver und wetteifernder. Es gibt immer mehr Druck, gut im Team zu arbeiten und zu schnellen Ergebnissen zu kommen, weshalb introvertierte Menschen sich schnell ausgelaugt und erschöpft fühlen, denn sie brauchen die Zeit mit sich allein zur Verarbeitung der Gedanken. Dieser enorme Druck führt dazu, dass Introvertierte das Gefühl haben, nicht in die Gesellschaft zu passen, wenn es den Mitmenschen scheinbar so leicht fällt, unter diesem Leistungsdruck zu leben.

Oberflächlich betrachtet scheinen Introversion und Schüchternheit das gleiche zu sein, denn beide haben begrenzte gesellschaftliche Interaktion. Allerdings ist der Grund für die Begrenzung sehr unterschiedlich. Der Schüchterne würde gern mitten im Trubel der Gesellschaft sein, traut sich aber nicht, während der Introvertierte sich zurückzieht, weil er eine Weile allein sein möchte. Wenn ein Schüchterner und ein Introvertierter am Rand der Party stehen, fühlt der Schüchterne sich dazu gezwungen, außen zu sein, während der Introvertierte freiwillig dort bleibt.

Man erkennt einen Introvertierten in einer Unterhaltung daran, dass er zuhört, während der oder die anderen reden. Ein introvertierter Mensch denkt zuerst und spricht dann; ein Extrovertierter trägt sein Herz auf der Zunge. Deshalb funktioniert Brainstorming weniger gut mit Introvertierten, für sie funktioniert Email.

Sowohl Extrovertierte als auch Introvertierte empfinden Anregung und Stimulation durch den Umgang mit anderen. Bei Introvertierten jedoch ist diese Anregung eher kurzlebig und erschöpft sie, wenn sie entgegen ihrer Natur handeln und sich als Extrovertierte ausgeben.

Introvertierte finden oft, dass sie sich in bestimmten Kulturen wohler fühlen als in anderen. Amerika zum Beispiel ist eine eher laute, expressive Kultur und Deutschland eine schnelllebige und direkte, kommunikative. Beides verbindet man mit Extraversion. Asiatische Kulturen oder skandinavische Länder befürworten Ruhe und Zurückhaltung, was einem Introvertierten besser passt. Trotzdem besteht die Gesellschaft in allen Ländern zu gleichen Teilen aus Extro- und Introvertierten. Die introvertierte Hälfte geht allerdings in lauten Kulturen unter, denn die lauten und gesprächsfreudigen werden durch die Medien verstärkt hervorgehoben.

Leider ist Zurückhaltung in verbalen Kulturen ein Problem, denn die Kompetenz einer Person wird oberflächlich an seinem verbalen Verhalten gemessen. Übersehen wird dabei, das ein introvertierter Mensch ebenso engagiert sein kann, sich aber seine Gedanken gut überlegt, bevor er sie ausdrückt.

Ist die charakterliche Orientierung eines Menschen nicht mit dem gesellschaftlichen Wertsystem kompatibel, steht die geistige Gesundheit auf dem Spiel, denn Introvertierte sehen sich durch die Gesellschaft ständig dazu gezwungen, sich zu entschuldigen und zu erklären und sie fühlen sich nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von sich selbst entfremdet.

Dinge, die man nicht zu einem Introvertierten sagen sollte

Introvertiertheit ist nicht gleichbedeutend mit Friedfertigkeit. Werden die emotionalen Knöpfe des introvertierten genügend gedrückt, kann er irgendwann explodieren und seinen Frust herauslassen. Mit der Zeit staut sich viel davon im Introvertierten an, wenn der Extrovertierte ständig versucht, ihn zu ändern und umzuformen, als sein Extraversion die einzige und richtige Form des Seins. Typische Sprüche und Situationen, die den Introvertierten auf die Palme bringen, sind:

Warum gehst du nicht gern auf Partys, Magst du keine Menschen? Auch introvertierte Menschen mögen Kontakt mit anderen Menschen, allerdings in kleineren Dosen. Sie sind gesellig, aber auf eine andere Art.

Spontanes Auftauchen von Freunden und Familienmitgliedern im eigenen Haus. Introvertierte schätzen ihre Zeit allein in ihrem eigenen Zuhause, um ihre Kraft zu erneuern. Die plötzliche, längere Anwesenheit von "Eindringlingen" gefährdet diese wichtige Zeit des Alleinseins.

Man sollte kein sofortiges Feedback erwarten oder gar erzwingen, denn Introvertierte brauchen Zeit, ihre Gedanken zu ordnen, bevor sie sie ausdrücken. Sie möchten sicherstellen, dass das Gesagte richtig ist, bevor sie es herauslassen.

Das gleiche gilt für Meetings und Brainstormings. Introvertierte möchten sich vorbereiten und wollen keine halbherzigen Bemerkungen beitragen.

Bloß nicht unterbrechen, wenn der Introvertierte bereit ist, seine Gedanken auszudrücken. Es lohnt sich zuzuhören, denn die Gedanken sind bereits ausgereift. Ein großes Problem für Introvertierte ist, übersehen oder übergangen zu werden. Wer ihnen nicht zuhört, verpasst wichtige Information, denn die Introvertierten wiederholen sich nicht gern.

Einer der schlimmsten Fehler ist, Introvertierte ändern zu wollen und ihnen beibringen zu wollen, extrovertiert zu sein. Leider wird schon in der Schule das Extrovertiertsein durch gute mündliche Noten gefördert. Introvertierte, die sich melden, wenn sie etwas wertvolles beizutragen haben, bekommen schlechtere Noten und werden angeregt, mehr mitzumachen, während extrovertierte, die unausgereifte Gedanken ausspucken, dafür belohnt werden, dass sie erst sprechen und dann denken.